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Der Mosel Camino, Tag 2: Von Koblenz nach Alken

Ich schlafe unruhig. Lange Zeiten liege ich wach, in meinem stickigen Zimmer an den Bahngleisen, nur unterbrochen von kurzen Phasen mit komischen Träumen. Als der Wecker um 6 Uhr 30 geht bin ich schon auf und packe.

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Der Mosel Camino, Tag 1: Anreise

Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich das hier „Tag 1“ nennen soll. Gelaufen bin ich wenig, nur 16 Kilometer, und der „richtige“ Camino fängt ja auch erst in Stolzenfels an. Dann sind aber einige Sachen passiert, von denen ich Euch erzählen möchte, und damit ist das eben Tag 1.

Es fängt schon ganz gut an. Züge nach Koblenz aus Saarbrücken stoppen in einem Kaff namens Kobern-Gondorf, von welchem aus ich den Schienenersatz-Verkehr nach Koblenz nehmen muss. Toll. Der Rucksack ist heute auch schwer, fühlt sich einfach „falsch“ an, und ich denke ich habe wichtige Dinge in Saarbrücken bei Freunden vergessen.

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Mit dem Urzeittier in eine neue Zeit: Mastodon.

Deutschland war schon immer etwas anders. So auch wenn es um Technologien geht. WhatsApp, welches wenig Adoption in den USA sah, machte es richtig groß in Deutschland bevor Facebook es kaufte. Die Argumente damals, weniger kommerziell, weniger Überwachung, weniger „Amerika“, waren damit natürlich hinfällig. Trotzdem ist WhatsApp weiterhin in diesen Gefilden das dominante Chatwerk.

Weniger kommerziell, weniger Überwachung, das ist auch das Argument und der Trieb in ein „neues“ soziales Netzwerk dieser Tage: Mastodon. Eigentlich schon fast zwei Jahre alt, und aus dem älteren Social.Hub geforkt (Social.Hub war in PHP geschrieben, häßlich, und langsam), brauchte es ein Jahr bis US-Amerikanische Benutzer in größeren Zahlen aufschlugen.

In Deutschland brauchte es mehr als die „dezentral, weniger kommerziell“ Werbebotschaft. Erst die kommenden API Einschränkungen auf Twitter (auf Mastodon liebevoll „Birdsite“ genannt) brachten einen ausreichenden Schub an Usern, welche heute Deutschland zum drittgrößten Cluster (nach Japan und den USA) im „Feediverse“ machen.

Das Feediverse

Wobei wir bei der Funktionsweise von Mastodon und dem Unterschied zu Twitter wären. Während Twitter ein zentraler Anbieter in den Vereinigten Staaten ist, besteht Mastodon aus „Instanzen“. Diese Instanzen wiederum sind die Home Base für Benutzer, welche eine Adresse wie (meine) @mikka@mastodon.bayern haben. Usernamen (das @mikka) sind nur auf dem jeweiligen Server (der „Instanz“) einmalig.

Auf Twitter gibt es eine Timeline. In dieser werden, nach Twitters algorithmischen Gutdünken sortiert, die Tweets der Freunde angezeigt. Das gibt es auf Mastodon auch, die „Toots“ (weil Pachyderm) aller Freunde auf allen Servern (ja, man kann auch Menschen auf anderen Servern folgen) werden in der „Federated Timeline“ dargestellt. Daneben gibt es aber auch eine Timeline für alle Toots auf der lokalen Instanz.

Kleine Server

Und damit sind wir beim ersten Killer-Argument für Mastodon: Statt einer großen Maschine ist Mastodon topisch und lokal. So gibt es Server für Magic TCG Spieler, Instanzen für Ärzte, und (diesen betreibe ich) Server für Bayern (https://mastodon.bayern/invite/nrLvW4ZX für einen Invite), Saarländer, oder Nordlichter.

Diese Server haben ihre eigenen Regeln. Manche verbieten jede Form der Gewalt, Gewaltverherrlichung, und Aufrufe zur Gewalt, andere sind da eher ausschließlich gegen Gewalt von Rechts, Links, etc. Jeder Server kann sich entscheiden, andere zu „defederalisieren“, was zwar die Anzeige von gefolgten Usern in den Timelines der Folgenden nicht unterdrückt, Toots von diesem Server jedoch anderweitig nicht anzeigt.

Damit können User sich direkt entscheiden, wem sie vertrauen und wo sie sich sicher fühlen. Kleinere Nutzerbasen sorgen auch für aktivere und schnellere Moderation.

Warum also Mastodon?

Die Hyperlokalität macht Sinn. Neben den üblichen Menschen, denen man folgt, hat man so auch Zugriff auf lokale News, Gedanken, und Unterhaltungen. Für topische Instanzen gilt dies genau so.

Mastodon ist Open Source. Jeder kann die Code Base forken und sich sein eigenes, entweder eingebundenes oder alleinstehendes, Netzwerk bauen.

Man hat die Wahl der Policy. Wer weniger Probleme mit NSFW Content hat, aber keine rechte oder konservative Meinungen lesen will, der findet genau so einen Server, wie Benutzer, die keinen NSFW wollen, sich aber nicht an konservativen Meinungen stören. Wo man sich aufhält hat hier also eine Bedeutung, anders als auf Twitter, auf dem die Regeln im Dunkeln, von Admins, gemacht und oft sehr komisch durchgesetzt werden.

Als offenes System ist Mastodon per fiat werbefrei. Sollte ein Server sich entscheiden, Werbung einzublenden, sind andere, werbefreie, Server schnell zu Hand und können eingewechselt werden. Das Netzwerk selbst kann, dank lokalen Instanzen, keine Werbung oder Überwachung durchführen.

Spoiler, Triggerword, und NSFW Tags sind möglich, viele Server setzen deren Benutzung für sensitiven Content sogar voraus. 

Oh, und 500 Zeichen…

Fazit

Mastodon macht Spaß und Sinn. Es vereinbart die besten Elemente anderer Netzwerke mit der dezentralen Idee aus Usenet und IRC. Lust? Du kannst eine Instanz für Dich aus der Liste bei https://instances.social aussuchen.

Der Standard ist langweilig

… aber draußen wird’s oft einsam.

Ich bin schon etwas komisch. Statt einem MacBook habe ich ein Chromebook, statt einem iPhone ein Google Pixel 2, und statt auf Facebook zu schreiben, kann man meine Blog updates über einen netten RSS feed abonnieren (ich empfehle Feedly).

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Der Mosel Camino: Letzte Vorbereitungen

Entgegen der Ratschläge einiger Pilger welche den Mosel Camino bereits in den letzten Jahren gelaufen sind, habe ich mich entschlossen keine Zimmer vorher zu buchen. Soweit möglich möchte ich einfach irgendwo ankommen, dort ein Zimmer suchen, und am nächsten Tag weiterlaufen.

Rheinsteig Wegmarkierung

Die Strecke von 165 Kilometern bei anstrengenden aber durchaus nicht extremen Höhenunterschieden könnte, nach meiner Erfahrung mit längeren Wanderungen, in etwa sechs Tagen locker und ohne Puste gelaufen werden, also sind die geplanten acht mehr oder weniger einfach zu schaffen.

Da aber ab dem 15. mein Haus bei Frankfurt leer steht, meine Sachen auf dem Laster nach Saarbrücken sind, und ich sowieso nichts zu tun habe, habe ich mich entschieden noch einige Etappen des Rheinsteigs in Richtung Koblenz zu laufen. Als Einstimmung, sozusagen.

Der Rhein bei Bingen, vom Rochusberg aus gesehen.

Mit kommt: der Rucksack, auf jeden Fall, mein zusammenschraubbarer Pilgerstab, die Muschel, zwei Paar Unterwäsche und T-Shirts, Regenjacke, Wanderhose, Abendhose (Jogging), das Chromebook, das Handy, und ein paar Kleinigkeiten wie Medikamente und Wasserflasche. Totalgewicht: weniger als sechs Kilo, also weniger als die maximal 10 Prozent des Körpergewichts, die so ein Rucksack wiegen sollte.

Los geht’s in 10 Tagen oder so, dann geht es mit dem Zug an den Rheinsteig um die Strecke von Kamp-Bornhofen nach Braubach zu laufen, die als die schönste Etappe bekannt ist. Auch wenn die St. Goarshausen Strecke dank der Loreley all den Ruhm abbekommt, hier sieht man den Rhein oft und lange, läuft über schöne Wege, und kann die Weinberge genau so genießen wie den Wind im Rücken und den Wein in der Seele.

Vier Tage später bin ich dann auf dem Mosel Camino. Ein anderer Fluß, andere Weine, aber genau so viele Berge, Täler, und hoffentlich Geschichten.

Socken!

Wäre mir eine Fee erschienen, vor keinen drei Jahren, und hätte diese Fee mir erklärt, dass Glücklichsein ein gutes Paar Socken ist, dann hätte ich wohl gelacht. Nicht dass ich nicht einen kleinen Socken-Fetisch habe, ich mag bunte Socken auf der Arbeit als kleine Rebellion gegen das Weiß und Türkis der Klinikkleidung, und ich finde Socken sagen mehr über einen Menschen aus, als Hosen oder Hemden. Aber Glück? Nee, Glück ist was Anderes.

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Old Man Walking

Gedanken auf dem Weg.

Ich bin alt. Man sieht’s mir (zum Glück) noch nicht so an, auch wenn der Bart grau ist, und die Kinder zu laut auf meinem Rasen spielen. Ich höre alte Musik, lese alte Bücher, mache alte Witze, und kann mich noch an Frank Elstner’s erhobenen Daumen erinnern.

Mit dem Alter kommen Dinge, die man eher nicht mag. Gesundheitlich, natürlich, aber das Weitwandern hält das im Zaum. Aber auch emotional verschiebt sich’s, man denkt nicht mehr so oft „hab‘ ich ja noch Zeit“ und viel öfter „ob ich dafür noch Zeit habe?“

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Der Mosel Camino: Pilgerpässe in Trier

Was wäre ein Camino ohne Pilgerpass? Zwar kann man sich (gerüchtweise) einen solchen auch am Startort des Mosel Camino besorgen, aber sicherer war es, das Heftchen (für die üblichen 5€) im Pilgerbüro der Dom-Info in Trier zu besorgen. Also ging es heute, weil sowas Spaß macht, an den Endpunkt der kommenden Wanderung, um einen Solchen zu erwerben.

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Über’s (nicht) Ankommen

Jetzt bist Du also angekommen. Unter Dir liegt Santiago de Compostela, und egal ob Du die 100 Kilometer von Sarria oder die 2300 von Konstanz gelaufen bist, Du bist „da“. Eigentlich sollte sich jetzt so etwas wie Hochstimmung einstellen, vielleicht ein Gefühl der Ruhe, oder auch der Trauer dass es vorbei ist.

Zwei Pilger zeigen hinunter nach Santiago de Compostela vom Monte do Gozo, dem Berg der Freudensprünge, an dem Pilger der Geschichte nach geweint haben sollen und vor Freude den letzten Teil des Weges gerannt seien.

Und dann passiert das nicht. Du läufst die letzten acht Kilometer in die Stadt, es fühlt sich nach viel weniger an, und immer noch bist Du nicht „da“. Vielleicht passiert es ja in der Kathedrale, denkst Du, oder beim Abholen der Compostela.

Und da passiert es auch noch nicht. Was ist da los?

Das liegt an der besonderen Art des Camino. Weitwanderer auf dem Appalachian Trail oder dem Pacific Crest kennen dieses Gefühl weniger, hier ist die Wanderung ein ständiger Kampf gegen die Natur und die Elemente. Auf dem Camino, jedoch, kommen wir, mehr oder weniger, jeden Abend an.

Das ist gut so. Das Tolle an der Pilgerschaft, neben den körperlichen und emotionalen Vorteilen, ist die Tatsache dass unser Leben sehr einfach wird. Ziele? Nur eines: abends ankommen. Wir schlafen, laufen, schlafen, und laufen. 

Das bedeutet (hier kommt der Neurowissenschaftler aus dem Rucksack) eine mentale Einstellung auf weniger Aufgaben, Ziele, und Verantwortlichkeiten. Das Gehirn lernt, dass es OK ist, einfach mal so dahin zu schlendern, alles ist OK. Und es verlernt, sehr schnell, Ziele als Ziele zu sehen. Dafür lernt es sich am Weg zum Ziel zu erfreuen. Wir alle wollen dieses Gefühl der Ruhe und des Erfolges wenn wir etwas gut gemacht haben. Das bekommen wir jeden Abend, nachdem der Rucksack abgelegt und die Schuhe im Schrank vor dem Schlafsaal stehen. Wir bekommen es auch, wenn wir ein Café am Wegesrand finden, einen Früchtestand, oder wenn es den Tag über nicht geregnet hat.

Ein Früchtestand in der Mitte des Nirgendwo, an einem sehr schwülen Morgen, der uns erst einmal mit Hagel und dann mit Matsch begrüßte.

Kurzgesagt, wir brauchen dieses Gefühl des „Ankommens“, des „fertig seins“ nicht mehr. Stattdessen nehmen wir uns den Tag als Erfolg, die Wanderung selbst als Belohnung.

Das ist es, was die Pilger meinen, wenn sie „der Weg ist das Ziel“ sagen. Eine Pilgerschaft hat kein Ziel, sie ist das Ziel in sich. Anders als eine Wallfahrt, bei der zu einem Ort gelaufen wird und dort die „Belohnung“ wartet, sammeln wir Stempel, Freundschaften, und Eindrücke. 

Seit ich den Jakobsweg zum ersten Mal gelaufen bin, versuche ich alle meine Wanderungen so zu gehen. Nicht um „anzukommen“ sondern um unterwegs zu sein. Das natürliche und unvermeidbare Ende, das kommt früh genug. Bis dahin ist mein Ziel aber schon lange erreicht: ich war angekommen an dem Moment an dem ich meinen ersten Schritt gegangen bin.

Die Einschränkungen des Chromebook-Reisenden

Eigentlich bin ich ja mit meinem Chromebook verdammt zufrieden. Sieben Stunden Arbeit mit einer Ladung, welche ich auch schnell in ~1 Stunde wieder aufgeladen bekomme, leicht (unter 1.2kg), und wenn ich das Ding mal kaputt mache oder verliere, dann sind meine Daten alle irgendwo in der Cloud und nicht für immer weg.

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