Gedanken

Die Hjarta: komm mit mir

Es wird kälter und dunkler. Abende kommen früher, der Wind ist eisiger, und wenn es nicht schneit, dann regnet es. In solchen Tagen, wenn die Welt ein bisschen weniger Licht hat, ist es umso wichtiger, dass wir heller leuchten.

Meine eigene Hjarta begann in 2016. Die Wahlen in den USA und das soziale und politische Klima auf der Welt hatte meinen Freundeskreis in einen Debattier- und oft Fightclub verwandelt. Dogma, das „one true ideal“, regierte die Diskussionen, und von sozialen Medien zu meiner Stammkneipe änderte sich die Stimmung von vormals einer Mischung aus Ernst und Ausgelassenheit hin zum Laufen auf Eierschalen und gegenseitigen Animositäten. 

Also beschloss ich, mitte November, an einem besonders stürmischen und kalten Herbsttag an dem ich alleine zuhause saß, dass ich etwas anders machen wollte. Meine Großmutter erzählte immer vom Hjarta, dem isländischen Brauch im Winter sein Heim und sein Herz zu öffnen, sich zu besuchen, zusammen zu backen, zu kochen, zu lachen, und sich gegenseitig, emotional und korporeal, Licht und Wärme zu schenken.

Hjarta, das ist ein altes proto-isländisches Wort. Es bedeutete viel, Herz, Herd, Heim, Hütte, und auch Familie. In vielen germanischen Worten ist es immer noch vorhanden, in skandinavischen Sprachen bedeutet es oft immer noch Herz.

Hjarta, das war das Gefühl, zuhause zu sein. Unter Freunden, am Herd, in der Hütte. Hjarta implizierte, wenn man es als „Gerðu hjarta„, also „Hjarta machen“ verwendete, ein offenes Haus und ein offenes Herz.

Seither, im Winter ’16 und ’17, und jetzt wieder, mache ich Hjarta. Es wird Winter. Auch wenn die Literatur und Studien zeigen, dass Menschen im Winter nicht mehr zur Einsamkeit neigen, ist es doch die Zeit, in der man am Besten gegen diese Problematiken angehen kann. Es ist die Zeit der Guten Stube, die Zeit des Backens und Kochens. Oder, ganz einfach, die Zeit des „wir“.

Hjarta bedeutet ein anderes „Wirgefühl“. Die Idee, dass hinter den Konflikten, hinter den Meinungen, hinter dem Streit, immer noch ein Mensch mit Hoffnungen, Liebe, Idealen, Wünschen, und Ängsten steht. Es ist der Gedanke, dass wir, als kohlenstoffbasierte Lebensform, viel, viel, mehr gemein haben, als uns trennt.

Hjarta ist auch die Idee einer neuen Chance. Für uns selbst und Andere. Im Julfest, welches neben der Austreibung der Geister auch das Verbrennen von alten Dingen, dem Ausräumen der Stube und der Scheune, als Zweck hatte, wird ein „Reset“ vorgenommen. Traditionell wurden Fehlverhalten vergeben, es wurde noch einmal von vorne angefangen. Idealerweise über ein Heißgetränk der Wahl, vor einem Kamin.

Also mache ich auch dieses Jahr wieder Hjarta. Es wäre schön, wenn Du mitkommen würdest. Niemand soll oder muss sich diesen Winter einsam fühlen, niemand muss alleine sein. Meine Tür ist offen. Deine auch?

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