Gedanken

Keine Pilger, kein Büro

Seit es Pilgerschaften gibt, gibt es zwei Arten von Menschen: die, die pilgern, und die, die daraus einen Profit schlagen wollen.

Gibt’s, wie immer, auch als Podcast auf Anchor. Oder hier reinhören:

KEIN Pilgerbüro

In die zweite Kategorie fällt das „Bayerische Pilgerbüro“, welches weder ein Büro ist, noch für oder von Pilgern. Es ist, ganz einfach gesagt, ein Reiseveranstalter. Macher von Glamino Reisen, ein bisschen „Pilgern“ um was zu erzählen zu haben.

DAS ist ein Pilgerbüro

Womit wir bei der Frage wären: was ist denn eigentlich ein Pilger? Ist Jemand, der von Sarria nach Santiago, die gerade so  benötigten 100 Kilometer läuft, ein Pilger? Wenn man sich jeden Abend in’s Hotel legt, ist man dann ein Pilger? Was ist mit Busreisen, die Gepäck mitnehmen und die Teilnehmer jeden Tag etwa zehn Kilometer vor dem nächsten Stop rauslassen, damit sie zu Fuß ankommen? Oder mit Pilgern, die Teile des Camino mit einem Bus oder Taxi überspringen?

Ist man nur ein Pilger, wenn man den Camino bis Santiago läuft? Muß man den Duro oder Duro Duro gemacht haben? Darf man den Primitivo laufen? Ist man vielleicht kein Pilger, wenn man den Frances, der so abfällig als „Pilgerautobahn“ bezeichnet wird, läuft? Muss es hart sein und weh tun?

Jesus didn’t start in Sarria

— Anonymes Graffiti auf dem Camino Frances

Ich denke, dass Pilgersnobismus keine schöne Sache ist. Jeder läuft „seinen“ Camino. Der Eine langsam, der Andere schneller, manch einer verliebt sich, vielleicht entliebt man sich auch. Manche verfluchen jeden Schritt, und dann gibt es die, die jede Minute genießen. Sie sind alle Pilger. Weil Pilgern weniger mit dem „wie“ und dem „wohin“ zu tun hat, sondern viel mehr mit dem „was“ und „warum“. Was man tut, warum man es tut, was man fühlt, und warum man es fühlt.

Pilgern, das bedeutet aber auch, es zu versuchen. Sich in Neues zu stürzen, die Stützbalken des Lebens vor und nach dem Camino zumindest teilweise abzubauen. Sich auch einmal einfach treiben zu lassen, darauf zu vertrauen, dass alles gut wird. Und darauf, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es in der Meseta gekocht wird. Einfach neues Vertrauen und neue Energie zu schöpfen.

Was Pilger ausmacht, in meiner Welt, ist einfach los zu gehen. Wer die Sicherheit einer Pauschalreise sucht, wer sich nie fragen müssen will, wer heute neben, über, oder unter Einem schläft, wer sich nicht auf neue Bekanntschaften einlassen will, die eine Stunde oder eine Lebzeit anhalten, der mag Pilgerwege gehen, aber der ist kein Pilger.

Wahre Liebe ist eine Pilgerschaft. Sie passiert, wenn niemand eine Strategie hat, oder Ziel, aber sie ist sehr selten, weil die meisten Menschen Strategen sind.

Anita Brookner

Pilgern, das heißt zu laufen, nicht anzukommen. Es bedeutet den Weg zu genießen, sich selbst im Arm zu halten, weil in der Bewältigung der Unsicherheit ein großes Potential für Sicherheit steckt.

Das ist, für mich, als recht gesunden, erwachsenen, Menschen natürlich einfach gesagt. Meine Unsicherheit über die nächste Herberge oder ob ich wieder pustend am Berg halt machen muss, ist nichts, verglichen mit denen einer Person mit Soziophobien oder Panikstörungen. Und wer als solche dann, trotzdem, aufsteht und los geht, einen Pilgerbus nimmt, abends im Hotel schläft, der ist mehr Pilger als ich es jemals war oder sein werde.

Pilger ist, wer pilgert. Ob von Sarria oder Konstanz, ob ab und zu im Hotel oder im Zelt im Wald. Egal, ob der Rucksack mit dem Mochilla Service voraus geschickt wird, oder extra Kilos beinhaltet. Zehn Kilometer am Tag oder fünfzig. Pilger ist man, wenn man im sich Herzen selbst vertraut, dass man alles schaffen kann. Und Pilger ist man, wenn man weiß wo die Grenzen liegen, diese ab und an einmal kratzt, aber sie auch respektiert.

Aus dem Pilgern kann man viel für’s Leben lernen. Sei bereit, mit dem Unvorhergesehenen umzugehen, aber sei gewappnet, dass es Dich nicht über Deine Grenzen drückt. Vertraue, dass Du das schaffst. Nutze Deine Chancen. Wünsche nicht, aber hoffe. 

Wer Pilgerpässe aber nur an „unsere Kunden“ abgibt, der ist immer noch kein „Pilgerbüro“.

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