Mosel Camino

Der Mosel Camino, Tag 4: von Treis-Karden nach Bullay

Das Problem mit lieben, alten, Damen, ist deren Schwerhörigkeit und Schlaflosigkeit. Ich lebe seit 4 Jahren in Deutschland, lerne jeden Tag etwas Neues. Heute Nacht habe ich gelernt, dass deutsches Late-Night TV echt scheiße ist.

Muss ich die Landschaft erwähnen? Schöne Ausblicke auf die Mosel, Weinberge, Wälder. Der Weg steigt sanft an, weicher Waldboden macht mich einmal mehr glücklich, und schon bald stehe ich vor Kloster Maria Engelport. Der Camino macht’s mal wieder möglich: das Cafe ist nur am Sonntag geöffnet, und heute ist Sonntag. Sie seien neu, sagt mir die Betreiberin, das Kloster wolle erst einmal sehen ob sich Kaffee und Kuchen lohnen. Für mich auf jeden Fall.

Ich trinke meinen ersten Kaffee als die Pilger des ersten Tages, welche mich vor Waldesch überholt hatten, herein schneien. Wir sitzen zusammen, reden über den Jakobsweg und das Pilgern wie das nur Pilger untereinander tun, in Codewörtern und dem Wissen, dass der Andere auch schon die gleichen Gedanken hatte.

Nach Maria Engelport geht es noch einmal, durch wunderschöne Wälder, nach oben. Vorbei an der Schutzhütte, noch ein bisschen gerade, und ich stehe vor dem Abstieg nach Beilstein. Aber erstmal ein Snack auf der Bank von welcher aus man die Burg Metternich (ist das nicht der mit dem Sekt?) und das Dorf ganz prima sehen kann. Die Menschen da unten sind geschäftig, Bedienungen bedienen touristende Touristen und bikende Biker, hier oben ist es ruhig und ich kann gerade etwas Ruhe wirklich brauchen.

Nach dem Snack kommt der Rucksack wieder auf den Buckel, die Weinberge winden sich, und recht schnell sehe ich das Klostercafe vor mir. Hier sollte ich eigentlich einen Stempel bekommen, aber erstmal den Gummifuß an meinen … shit, wo ist mein Pilgerstab? Oben natürlich, an der Bank.

Blick von der Aussichtsbank auf Burg Metternich

Diesmal nehme ich den Weg zurück nicht. Ich erinnere mich an ein Gespräch auf meinem ersten Camino. Darüber, dass die Pilgerschaft wie eine Ballonfahrt ist, ein Abenteuer in dem man sich mit Zweck aber nicht Ziel treiben lässt, und in dem dann Ruhe einkehrt, wenn man mit dem Wind treibt. Dass man höher fliegt, weil man unterwegs Ballast abwirft. Emotional, mental, und auch in Besitztümern. Vielleicht war mein Pilgerstab ja Ballast?

Nach meinem Stempel gehe ich in die Ortschaft. Hier wimmelt es von Menschen und ich ziehe mich schnell in ein Geschäft zurück, welches mit einem weiteren Pilgerstempel wirbt. Wie schon in Lasserg passieren die komischsten Dinge wenn ich Schildern folge, die Pilgerstempel anpreisen. Diesmal nicht mit Stadtbürgermeisterin und Jungfernstempel, aber mit einer sehr netten Dame, die mir nicht nur einen eigens angefertigten Mosel Camino Pin schenkt, sondern auch einen neuen Pilgerstab überlässt.

Beilstein

Ein Pilger ohne Stab ist kein Pilger, sagt der Codex Calixtinus. Vielleicht hat er ja Recht.

Von Beilstein fährt ein Schiff nach Bullay. Ich habe die Wahl zwischen acht weiteren Wanderkilometern oder einem Glas Wein und dem Boot. Nicht ganz pilgermäßig entscheide ich mich für Wein und Boot, was gut für die Füße aber wahrscheinlich morgen früh nicht für meinen Kopf ist. Immerhin kann ich ausschlafen, Christine stößt erst gegen zehn dazu, dann haben wir einen recht langen Wandertag vor uns. Und die Suche nach einer Apotheke für Alka-Seltzer, denke ich.

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