Mosel Camino

Der Mosel Camino, Tag 3: von Alken nach Treis Karden

Heute geht’s nach Treis-Karden, und da freue ich mich. Aber nicht so sehr, wie darauf, dass ich ab Bullay eine tolle Wanderbegleitung haben werde. Christine, eine gute Bekannte, stößt dort dazu, was nicht nur bedeutet, dass ich mal ausschlafen kann (sie kommt erst um 10 an), sondern auch, dass ich jemanden zum Duett-Singen habe.

Heute ist so viel passiert, das kann man eigentlich gar nicht in ein Blogpost packen. Aber ich versuchs trotzdem. Wütende Winzer, wichtige Würdenträger und Singende Segler, und das ist nur der Anfang.

Ich hab heute ganz gut geschlafen, und der Regen am Morgen fühlt sich mehr erfrischend als störend an. Es geht an den Weinreben entlang der Mosel aus Alken heraus, dann über die Brücke nach Löf, und von da weiter nach Hatzenport. Weil ich jetzt doch etwas Durst habe, und das Frühstück alles andere als ergiebig, beschließe ich, kurz Pause zu machen. Auf der Suche nach einem offenen Cafe werde ich von einem Winzer auf dem Traktor überholt, er stoppt abrupt, und fragt ob ich ein Pilger bin. Ja, bin ich. Super, war er auch mal, aber jetzt ist er Rentner und hat für sowas keine Zeit mehr. Aber weil’s immer noch regnet bietet er mir an, mich zum Cafe zu fahren. Das Angebot nehme ich, weniger wegen des Regens und mehr weil es ziemlich cool ist auf einem Trekker zu fahren, gerne an.

Kaffee intus und bei der Tourist Information ein Zimmer erfragt, geht es weiter aus Hatzenport heraus, bis eine Reihe Jakobsmuscheln an einem Zaun meine Aufmerksamkeit anzieht. Und da, neben den Muscheln… eine Kiste und ein paar Gläser. „Pilgertropfen“ steht da, und für eine kleine Spende kann man sich bedienen. Don’t mind if I do, und runter die Klappe. Haselnuss, naja, macht auch breit.

Mein Pilgerstab mag auch einen Schluck.

Nach dem Schnaps geht’s ziemlich schnell in die Weinberge, sanft bergauf, über wundervolle Waldböden, und von einer atemberaubenden Aussicht über das Moseltal zur nächsten, noch atemberaubenderen. 

Irgendwann überkommt es mich, und ich fange wieder an zu singen. Pink Floyd diesmal. Wish you were here, dann Shine on (You Crazy Diamond), und noch mal Wish you were here.

We’re just two lost souls / Swimming in a fish bowl / Year after year
Running over the same old ground / And how we found / The same old fears / Wish you were here

Mein Pilgerstab wird zum Luftbass, und „Comfortably Numb“ ist als nächstes auf der Mikka Karaoke Playlist. Irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Teil biege ich um eine Kurve… und starre in die amüsierten Gesichter einiger Hangglider, welche unter einem Zelt auf bessere Winde warten. Einer hält mir eine Flasche alkoholfreies Radler entgegen, wir reden für ein paar Minuten, dann wird der Wind besser, und die Damen und Herren der fliegenden Kunst beeilen sich, in die Lüfte zu kommen.

Etwas weiter den Weg entlang klingt noch mehr Gelächter und Musik. Die kleine Ortschaft Lasserg feiert, und das kann man riechen, sehen, und hören. Ich will gerade an den Ständen vorbei, als ich ein Schild erspähe: „Pilgerstempel.“ Oooh, Stempel! Prima!

Und so, liebe Leser, kam es, dass Mikka den Jungfernstempel des Fördervereins Benediktkirche von Stadtbürgermeisterin Claudia Schneider eigenhändig in seinen Pilgerpass gestempelt bekam.

Hinter Lasserg geht es sanft weiter über das Hochplateau, bevor der Weg sich steil in Richtung Burg Eltz neigt. Ich fange noch einmal mit dem Singen an, jetzt erst richtig, weil die Welt gerade so schön und freundlich ist. Learning to Fly, natürlich.

A soul in tension that’s learning to fly / Condition grounded but determined to try
Can’t keep my eyes from the circling skies / Tongue-tied and twisted just an earth-bound misfit, I

Und dann überkommt es mich. Freudentränen. Das Camino Gefühl. Auf diesen Moment habe ich die 960 Kilometer im Juni und Juli, und seitdem gewartet. Jetzt ist er da. Ich bin nicht mehr nur „unterwegs“, ich bin auf dem Camino. Meine Beine fühlen sich noch freier, noch leichter, an, der Rucksack drückt nicht mehr, ist leicht wie eine Feder, und der Wind zottelt meine Haare. 

Bis zur Burg Eltz kann ich das Grinsen nicht aus meinem Gesicht vertreiben. Dann renne ich in die Menschenmengen, die sich um und an der Burg versammelt haben und drücke mich an Touristengruppen mit Selfiesticks vorbei zum Ticket Office, wo es einen Stempel gibt. Meinen Plan, hier etwas zu essen und zu trinken, gebe ich ob der Horde ganz schnell auf.

Die Burg Eltz

Hinter Eltz geht es dann noch einmal scharf den Berg hoch, bis ein letztes Plateau überquert ist, dann steil hinunter und nach Treis-Karden. Doch vor den Abstieg haben die Götter heute den Winzer gesetzt. Laut, fluchend, rennt er über die Felder. Ich versuche herauszufinden, was da abgeht, gebe aber schnell auf, weil der wütende Winzer jetzt anscheinend auch mich auf dem Kieker hat und in meine Richtung fuchtelt. 

Entlang der Felder geht es ein bisschen in den Wald hinein, wo ich plötzlich in einen Hund renne. Wirklich reingerannt, schnell den Hügel runter, bamm. Der Hund scheint sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, er ist mehr an dem Inhalt meines Rucksacks als mir interessiert. Lange Leine? Check. Abgerissen? Yapp. Halsband mit Telefonnummer? Auch da. Also anrufen.

Minuten später steht der wütende Winzer, jetzt gar nicht mehr wütend vor mir, und umarmt seinen Hund. Der Camino ist wunderbar.

Kurz vor dem Abstieg durch die Weinberge treffe ich noch auf eine kleine Gruppe Frauen und Männer, die in einer Beiz Wein gegen Spenden anbieten. Die Aussicht ist mal wieder umwerfend, also lasse ich mich zu einem Glas überreden, setze mich ganz nach vorne, und träume ein bisschen. Ich bin glücklich.

Karden ist nett, verschlafen, und hat ein tolles Stiftsmuseum, in dem man auch einen Pilgerstempel bekommt. Ich schau mir das Eine an, dann lasse ich mir das Andere geben, und weiter geht’s. Der Camino will gelaufen werden. Und der Mikka will duschen.

In Treis klingle ich bei Frau S., welche Zimmer für Pilger anbietet, 98 Jahre alt ist, und nicht mehr richtig laufen kann. Wir reden für eine Weile, über Enkel und das Wandern, dann endet mein Tag wie er begann… mit einer Flasche Magensiumwasser an der Mosel. Das Leben ist schön.

Morgen geht’s nach Bullay.

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