Mosel Camino

Der Mosel Camino, Tag 2: Von Koblenz nach Alken

Ich schlafe unruhig. Lange Zeiten liege ich wach, in meinem stickigen Zimmer an den Bahngleisen, nur unterbrochen von kurzen Phasen mit komischen Träumen. Als der Wecker um 6 Uhr 30 geht bin ich schon auf und packe.

Sonnenaufgang am Schloss Stolzenfels

Vor mir liegt der Aufstieg zum Schloss Stolzenfels. Dort soll ich meinen zweiten Stempel bekommen und das Wildtiergehege ansehen. Erst am Rhein entlang, dann hinauf an der Kirche vorbei, geht es in den Wald. Die Strecke ist steil, aber nicht so steil wie es mir der Wanderführer einreden wollte. Mein Rucksack ist immer noch nicht „richtig“, aber es geht, und ich bin schon vierzig Minuten später am Schloss. 

Dieses macht aber erst um zehn Uhr auf. Eine halbe Stunde hätte ich gewartet, aber zwei? Nein, danke. Also weiter, die Beschilderung bekommt jetzt Zuwachs in der Form von Brutkästen mit gelben Pfeilen, und kurze Zeit später stehe ich am höchsten Punkt der ersten Hügelkette. Schön ist’s hier oben, auch wenn es leicht zu regnen anfängt. Schadet nicht, fühlt sich sogar sehr gut an.

Hier trennen sich der Linksrheinische Jakobsweg (den ich gestern in Rhens gesucht habe) und der Mosel Camino. Ab sofort also nur noch die stilisierten Muscheln.

Nach weiteren fünf Kilometern entscheide ich mich, Rast zu machen, einen Riegel zu essen, etwas zu trinken und mein Handy aus dem Airplane Modus zu nehmen um das Wetter zu checken. Während ich im Rucksack fummle werde ich von zwei Pilgern überholt, die schnellen Schrittes in Richtung Waldesch, der einzigen Ortschaft auf dem Mosel Camino zwischen Koblenz und Alken, laufen. 

Hier haben wir es mit der Ausweisung vielleicht ein bisschen übertrieben?

Es regnet stärker, also beschließe ich, in Waldesch einen Kaffee zu trinken und die Sonne abzuwarten. In der Vollkornbäckerei Barth treffe ich auf eine Verkäuferin, die auch mal den Camino gelaufen ist, mich an meinem Stab erkennt, und mir einen Kaffee ausgibt. Der Umweg hat sich also gelohnt.

Eine Wildsteige

Das Laufen wird jetzt einfacher. Ich trabe vor mich hin, höre ein bisschen Pink Floyd und die Highwaymen, klettere über Wildsteigen (das sind diese Treppen, die Wanderer einfach überqueren können, Rehe halt nicht), und lasse mich emotional einfach fallen. Ich bin glücklich. Glücklich, wie man nur dann sein kann, wenn Glück ein weicher Waldpfad an einem lauwarmen Sommermittag ist. Dann fällt es mir auf: ich habe seit Waldesch keinen Menschen mehr gesehen. Das macht es noch schöner.

Ich singe mir ein paar Strophen All Along the Watchtower und Court of the Crimson King. There are many here among us, Who feel that life is but a joke. But you and I, we’ve been through that. And this is not our fate. So let us not talk falsely now, The hour is getting late. Hendrix. Eine Legende. 

Plötzlich stehe ich vor der Pilgerkapelle Bleidenberg. Hier gibt’s einen Pilgerstein und einen Pilgerstempel sowie ein Pilgerbuch, in welches ich mich eintrage. Hier treffe ich auch auf meine ersten Menschen, ein Pärchen das, sich aneinander festhaltend, langsam den steilen Weg nach Alken herunter läuft.

Die Pilgerkapelle ist genau wie eine Pilgerkapelle sein muss. Aus schweren Steinen gebaut, kalt und doch einladend zugleich. Kein Schnickschnack, aber ein Altar, der sogar mir Lust macht, ein bisschen zu verweilen. Und, wenn man sich umdreht, ein bezaubernder Blick hinunter auf Alken.

Nach dem Schreiben und Stempeln ist es an mir, den Schotterweg nach Alken hinunter zu steigen. Ja, ist steil, nein, ich mag keine Abstiege. Aber geht.

Nach dem steilsten Teil des Abstiegs komme ich an prallen Weintrauben vorbei. Verstohlen pflücke ich zwei und stecke sie mir in den Mund. Kaum zugebissen habe ich ein schlechtes Gewissen. Werde ich den Hl. Matthias in Trier wohl was zu erzählen haben.

Die Strafe folgt auf dem Fuß. Etwa zwei drittel den Weinberg hinunter fällt mir etwas auf: meine Hand schwingt frei. Das bedeutet, dass ich meinen Pilgerstab in der Kapelle vergessen habe. Da steht er gut. Also wieder den Berg rauf. Ich mag Aufstiege lieber, aber dieser ist nicht nur schweißtreibend, ich muss ihn auch bald wieder runter. Der Pilgerstab ruht neben dem Pilgerbuch und dem Pilgerstempel. Auch kein schlechtes Arrangement. Mein zweiter Abstieg ist dafür bedeutend sicherer. Arme Wallfahrer, die hier ihre 12 Stationen zur Kirche machen, da fällt bei dem Gedränge um die Marterln bestimmt ab und zu einer in die Weinreben.

Wein!

Kaum in Alken angekommen werde ich zur neuesten Attraktion. „Schau mal, der hat so eine Muschel am Rucksack“ ruft eine Frau, eine Andere, eine Straße weiter, stuppst ihren Mann an und flüstert überlaut „Du, da ist ein Pilger“. Ein Amerikaner zeigt auf mich und erklärt seinen Kindern „look, that’s one of the Knights of St. James“.

Ich mag das Letztere. Knight of St. James. Sollte ich mir mal ein T-Shirt machen lassen. Knights of St. James, unterwegs für Camino, Compeed, Cafe con Leche, und Pilgerstempel.

Meine Bleibe ist ein, mal wieder sündhaft teures, Zimmer im Landhaus Müller, direkt an der Mosel. Und wieder, wie schon gestern, hat es nicht zum Flussblick gereicht. Ich hole mir meinen zweiten Stempel des Tages im Cafe Becker ab, meinen dritten gleich nebenan in der Tourist Information, und werfe mich erst einmal auf’s Bett. Einkaufen müsste ich noch, aber da hier leider kein Platz für einen Schreibtisch im Zimmer war, werde ich wohl doch nicht arbeiten und ein bisschen an der Mosel sitzen und träumen. 

Morgen geht’s weiter. Nach Treis-Karden, und dann nach Bullay. Die Sonne steht noch am Himmel, draußen lachen die Menschen, und hier drin, neben meinem Rucksack, fühle ich mich gerade, zum ersten Mal seit ich in Saarbrücken losgefahren bin, „unterwegs.“

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