Mosel Camino

Der Mosel Camino, Tag 1: Anreise

Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich das hier „Tag 1“ nennen soll. Gelaufen bin ich wenig, nur 16 Kilometer, und der „richtige“ Camino fängt ja auch erst in Stolzenfels an. Dann sind aber einige Sachen passiert, von denen ich Euch erzählen möchte, und damit ist das eben Tag 1.

Es fängt schon ganz gut an. Züge nach Koblenz aus Saarbrücken stoppen in einem Kaff namens Kobern-Gondorf, von welchem aus ich den Schienenersatz-Verkehr nach Koblenz nehmen muss. Toll. Der Rucksack ist heute auch schwer, fühlt sich einfach „falsch“ an, und ich denke ich habe wichtige Dinge in Saarbrücken bei Freunden vergessen.

Im Bus ist es heiß, gedrängt, und der Fahrer tut sein Bestes, den Ruf des Busfahrers nicht unnötig zu verbessern. Aber was soll’s, ist mein Camino, also beschließe ich ganz Zen auf die Straße zu starren und zu träumen.

Richtiges Camino-Feeling will sich nicht einstellen. Ich denke an den Camino Frances, an das Wandern an sich, an die Tage die vor mir liegen, und statt Vorfreude und Energie fühle ich Ungewissheit und sogar ein bisschen Lustlosigkeit. Meine Gedanken schweifen ab, zur Arbeit, dem Umzug nach Saarbrücken, und dass das alles ja gar nicht so geplant war.

Schräg vor mir sitzt ein Mann, der auch prima auf dem Camino zuhause wäre. Rucksack, lange Haare, Bart, Wanderkleidung. Er sieht meine Muschel am Rucksack auf meinem Schoß und fragt, in sehr gebrochenem Deutsch, ob ich ein Pilger bin. Ja, sage ich, auf dem Weg zum Mosel Camino. Und er?

Nein, er ist kein Pilger. Ein Nomade, sagt er, ein Wanderer. Wir steigen auf Englisch um, seine Muttersprache, und reden über den Camino, den Norte, den Frances, und Santiago. Da war er auch schon, 2005 und 2007, erzählt er, aber dann habe er keinen Bock mehr auf Wege gehabt, die es einem Vorgeben wo man hingehen muß. Seit 2000 ist er unterwegs, lebt von seinem Erbe, und erlebt die Welt.

Auf dem Weg nach Stolzenfels

Er zeigt mir Bilder, die er gemalt hat, reicht sie vorbei an Menschen, die nichts mehr wollen als in Koblenz anzukommen, und für die wir nur zwei Verrückte in komischen Klamotten sind. Eines zeigt die Skyline in Frankfurt, schnelle, leichte, Bleistiftstriche auf kariertem Papier. Ein anderes handelt von einer Nacht in Rumänien, in einer Waldlichtung. „But what’s important,“ sagt er, „is what’s in here.“ Und er tippt sich an’s Herz und den Kopf.

Wir reden, warum ich wandere, warum er es tut. Und dann passiert es. Es sprudelt aus mir heraus. Gebrochene Herzen, meine Arbeit, meine Angst vor der Zukunft, die Hoffnung, und dass ich keine Lust verspüre, den Camino zu laufen.

„Ever been to the AT?“ fragt er. Ja, war ich, aber nur kurz, 400 Kilometer auf dem Appalachian Trail, nichts Besonderes. „What kind of person walks the AT?“ fragt er. Ich weiß die Antwort. Einer von Zehn läuft den Trail um anzukommen. Der Rest läuft von etwas davon. „That’s your problem, buddy“ sagt er, „stop running away, start walking towards things.“

Als wir aus dem Bus aussteigen rollt er sich eine Zigarette, bietet mir auch eine an, und dann ist er, mit einem „Ultreïa“ verschwunden. Mein entgegnetes „et Suseïa“ kann er wohl gar nicht mehr hören. Entlang dem Rhein, sagte er im Bus, egal wo es hingeht, er läuft ja auch von Dingen davon, da ist es egal wo man rauskommt.

Eigentlich muss ich mich jetzt beeilen. Mein Bus nach Stolzenfels fährt in wenigen Minuten, und ich habe keine Ahnung wo genau. Hinter dem Bahnhof gibt es einen Busplatz, und dort auch ein Schild für die 650 nach Boppard. Nur dass die nicht kommt. Passiert öfter, sagt der Herr neben mir, dann geht er zurück zum Bahnhof um den RE zu nehmen. Ich beschließe zu laufen.

Durch die Stadt komme ich ans Deutsche Eck. Schon komisch, dass meine Mosel Wanderung ausgerechnet da beginnt, wo der Fluss endet, Teil des Rheins wird. Ich bin in schwurbeliger Laune und denke mir aus, dass das ja mal wieder so eine schöne Camino-Weisheit sein kann… manchmal muß man einfach da einen Weg anfangen, wo etwas anderes ended. Oder vielleicht auch: „Um das Ende zu verstehen, musst Du den Strom rückwärts laufen“. Oder auch nicht. Camino Weisheiten retten keine Leben und verbessern sie auch selten.

Als ich, elf Kilometer und meinen schweren Rucksack verfluchend (bestimmt nicht zum letzten Mal) später in Stolzenfels ankomme bin ich durchgeschwitzt. Meine Jeans, die ich als Abendgarderobe (das hier ist nicht der spanische Camino, da kann man nicht einfach in’s Restaurant mosern und hoffen, dass Sporthosen gut ankommen) mitgenommen habe, klebt an den Beinen. Also erstmal eine Cola im Biergarten, dann schnell rüber und einchecken im „Zur Kripp„.

Mein Zimmer ist klein, riecht ein wenig, und hat einen tollen Blick… auf die Bahngleise. Spitzenzimmer für 20€…. zu blöd, dass es neunzig kostet. Immerhin sind mir die Besitzer gnädig und haben mit den Gummibären auch Oropax zur Nachtruhe ausgelegt.

Gummibärchen und Ohropax. Nicht der Titel meines nächsten Buches.

Weil das Zimmer aber leider noch etwas Gebrauchsspuren vom letzten Gast aufweist, beschließe ich Idiot noch etwas spazieren zu gehen. Nach Rhens, dem nächsten Ort, um dort den Königsstuhl zu besichtigen.

Der Königsstuhl ist die rekonstruierte (19. Jahrhundert) Version des alten offiziellen Stuhles auf dem, an den Ufern des Rheins, zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert ganz offiziell Könige gekrönt wurden. Außerdem liegt er am Linksrheinischen Jakobsweg, einem anderen Camino, sollte also nicht zu verfehlen sein.

Nach drei Kilometern in Rhens angekommen suche ich erst einmal vergeblich für eine halbe Stunde nach einer Jakobsmuschel. Unfündig schaue ich dann doch auf’s Handy und werde belehrt, dass der Stuhl 1920 von seinem Stammsitz an den Ufern des Rheins nach „oben“ in die Hügel verlegt worden war. Einen Kilometer später finde ich ihn dann auch, umrahmt von BuGa 2031 Werbung.

Der Blick auf’s Handy erinnert mich aber auch, dass ich nur von sechs bis sieben eine Chance auf meinen Pilgerstempel in Stolzenfels habe. Also, immer noch den Rucksack verfluchend, zurück. Drei Kilometer später, diesmal am schönen Rhein entlang statt der staubigen Straße, bin ich in meinem jetzt gemachten Zimmer und bereit für den nächsten Trek zum Pilgerstempel. Dafür, dass heute ein Anreisetag ist, bin ich ganz schön gehampelt.

Den Pilgerstempel gibt es Montags bis Freitags von 9 bis 10 Uhr morgens. Und, der Camino macht das halt so, an Donnerstagen von 18 bis 20 Uhr. Heute ist Donnerstag.

Im Ortsbüro treffe ich eine sehr nette Dame, die mir nicht nur den Stempel sondern auch das Pilgerbuch zum Eintragen in die Hand drückt. Ein schnelles Wort in’s Buch, eine Unterhaltung mit ihrem Boss über Pilgerherbergen und Ziegen, und dann bin ich auch schon wieder raus. Ich gehe wohl noch im Zur Kripp eine Kleinigkeit essen und dann in’s Bett.

Morgen geht’s los, der erste „richtige“ Tag. Camino Feeling ist zwar immer noch nicht eingekehrt, aber ich freue mich auf die Wanderung und darauf herauszufinden, auf was ich zulaufe. Hier geht’s zum zweiten Tag.

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3 Comments

  • Reply
    Michael Perry
    24. August 2018 at 15:23

    I feel compelled to comment. While in Da Lat Vietnam, I met a person walking the other way toward me. Not Vietnamese definitely. We both stopped on the sidewalk, besides the motorbikes and cars and other people wishing to get by. We talked. His smart phone had broken and thus could not use his mobile data and he was looking for the road to the lake. So, as we talked, his story came out. On the road, you hear the stories but this person told me a story of wandering and being a vagabond for 30 years. Traveling first to Vietnam 30 years ago, he then wandered in New Zealand, Australia, Cambodia, Lao, Thailand. His family were in Switzerland. Had he spoken with them? I asked. He had a falling out with them he replied quietly. Since then, he took retirement monies, savings, and decided that his remaining time was better spent on the road being that seminal vagabond. That person who was here and not there. I told him my story. I was just starting the road for six months he had been on for decades. I asked him if he had any sorrows from that amazing set of decades. He had none. His backpack and his tablet and feet carried him to the next place. His family would hear from him every so often. We walked to a crossroads and I let him know based on Google Maps he should turn right. I was turning left to go back to my hotel. He let me know then that the voyage was worth the effort. Walking the steps with the road under your feet you find new homes, new trails, new families. Perhaps they cannot take the place of that original but they can provide something more. So we split up. Him to the right, me to the left. I never asked his email or contact information and he never asked mine. He walked away and so did I. But I knew then I had met a vagabond, a life hobo on the road to places and times still being identified. His road was there. Mine where here. They shall not meet. And that is better.

    • Mikka
      Reply
      Mikka
      24. August 2018 at 17:11

      I welled up a little. This is the road. Maybe, just maybe, I’ll be that vagabond, that hobo, that wanderer, to someone, someday.

  • Reply
    Der Mosel Camino, Tag 2: Von Koblenz nach Alken | ultreia camino
    24. August 2018 at 17:26

    […] Der Mosel Camino, Tag 1: Anreise […]

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