Gedanken

Mit dem Urzeittier in eine neue Zeit: Mastodon.

Deutschland war schon immer etwas anders. So auch wenn es um Technologien geht. WhatsApp, welches wenig Adoption in den USA sah, machte es richtig groß in Deutschland bevor Facebook es kaufte. Die Argumente damals, weniger kommerziell, weniger Überwachung, weniger „Amerika“, waren damit natürlich hinfällig. Trotzdem ist WhatsApp weiterhin in diesen Gefilden das dominante Chatwerk.

Weniger kommerziell, weniger Überwachung, das ist auch das Argument und der Trieb in ein „neues“ soziales Netzwerk dieser Tage: Mastodon. Eigentlich schon fast zwei Jahre alt, und aus dem älteren Social.Hub geforkt (Social.Hub war in PHP geschrieben, häßlich, und langsam), brauchte es ein Jahr bis US-Amerikanische Benutzer in größeren Zahlen aufschlugen.

In Deutschland brauchte es mehr als die „dezentral, weniger kommerziell“ Werbebotschaft. Erst die kommenden API Einschränkungen auf Twitter (auf Mastodon liebevoll „Birdsite“ genannt) brachten einen ausreichenden Schub an Usern, welche heute Deutschland zum drittgrößten Cluster (nach Japan und den USA) im „Feediverse“ machen.

Das Feediverse

Wobei wir bei der Funktionsweise von Mastodon und dem Unterschied zu Twitter wären. Während Twitter ein zentraler Anbieter in den Vereinigten Staaten ist, besteht Mastodon aus „Instanzen“. Diese Instanzen wiederum sind die Home Base für Benutzer, welche eine Adresse wie (meine) @mikka@mastodon.bayern haben. Usernamen (das @mikka) sind nur auf dem jeweiligen Server (der „Instanz“) einmalig.

Auf Twitter gibt es eine Timeline. In dieser werden, nach Twitters algorithmischen Gutdünken sortiert, die Tweets der Freunde angezeigt. Das gibt es auf Mastodon auch, die „Toots“ (weil Pachyderm) aller Freunde auf allen Servern (ja, man kann auch Menschen auf anderen Servern folgen) werden in der „Federated Timeline“ dargestellt. Daneben gibt es aber auch eine Timeline für alle Toots auf der lokalen Instanz.

Kleine Server

Und damit sind wir beim ersten Killer-Argument für Mastodon: Statt einer großen Maschine ist Mastodon topisch und lokal. So gibt es Server für Magic TCG Spieler, Instanzen für Ärzte, und (diesen betreibe ich) Server für Bayern (https://mastodon.bayern/invite/nrLvW4ZX für einen Invite), Saarländer, oder Nordlichter.

Diese Server haben ihre eigenen Regeln. Manche verbieten jede Form der Gewalt, Gewaltverherrlichung, und Aufrufe zur Gewalt, andere sind da eher ausschließlich gegen Gewalt von Rechts, Links, etc. Jeder Server kann sich entscheiden, andere zu „defederalisieren“, was zwar die Anzeige von gefolgten Usern in den Timelines der Folgenden nicht unterdrückt, Toots von diesem Server jedoch anderweitig nicht anzeigt.

Damit können User sich direkt entscheiden, wem sie vertrauen und wo sie sich sicher fühlen. Kleinere Nutzerbasen sorgen auch für aktivere und schnellere Moderation.

Warum also Mastodon?

Die Hyperlokalität macht Sinn. Neben den üblichen Menschen, denen man folgt, hat man so auch Zugriff auf lokale News, Gedanken, und Unterhaltungen. Für topische Instanzen gilt dies genau so.

Mastodon ist Open Source. Jeder kann die Code Base forken und sich sein eigenes, entweder eingebundenes oder alleinstehendes, Netzwerk bauen.

Man hat die Wahl der Policy. Wer weniger Probleme mit NSFW Content hat, aber keine rechte oder konservative Meinungen lesen will, der findet genau so einen Server, wie Benutzer, die keinen NSFW wollen, sich aber nicht an konservativen Meinungen stören. Wo man sich aufhält hat hier also eine Bedeutung, anders als auf Twitter, auf dem die Regeln im Dunkeln, von Admins, gemacht und oft sehr komisch durchgesetzt werden.

Als offenes System ist Mastodon per fiat werbefrei. Sollte ein Server sich entscheiden, Werbung einzublenden, sind andere, werbefreie, Server schnell zu Hand und können eingewechselt werden. Das Netzwerk selbst kann, dank lokalen Instanzen, keine Werbung oder Überwachung durchführen.

Spoiler, Triggerword, und NSFW Tags sind möglich, viele Server setzen deren Benutzung für sensitiven Content sogar voraus. 

Oh, und 500 Zeichen…

Fazit

Mastodon macht Spaß und Sinn. Es vereinbart die besten Elemente anderer Netzwerke mit der dezentralen Idee aus Usenet und IRC. Lust? Du kannst eine Instanz für Dich aus der Liste bei https://instances.social aussuchen.

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5 Comments

  • Reply
    jke
    23. August 2018 at 0:16

    Ich finde Mastodon auch toll und richtig, frage mich aber, ob diese Einmaligkeit bei Twitter und Instagram nicht gerade das Killer-Argument für diese Plattformen ist. Bevor IG zB so ein 2FaktAuth eingeführt hat, bekam ich täglich Anfragen, ob ich meinen username dort nicht verkaufen/traden möchte. So nervig, aber für diese Kids irgendwie mega wichtig.

    Ähnlich ist es für mich auch mit iOS vs Android („so und nicht anders“ vs. Einstellungsvielfalt). Kurzum: Wenn der Nutzername im Mastodon-Universum einmalig wäre, würde das vielleicht noch mehr Leute anlocken. Auch wenn das komplett gegen die Idee läuft.

    Und was ich mich noch frage: Wenn jetzt eine Instanz läuft und der Admin keine Lust/kein Geld/keine Kraft mehr hat/der Server abraucht – was passiert dann damit? Alles futsch? Es geht ja nicht nur um den Namen, sondern auch um die Einstellungen und Follower. Wenn man das noch irgendwo neutral syncen könnte, dann wäre es imo ideal. Aber das kommt vielleicht noch.

    • Mikka
      Reply
      Mikka
      23. August 2018 at 7:22

      Du kannst schon jetzt alle Deine Daten aus dem Server mitnehmen. Muss ja wegen GDPR auch, aber das war schon (fast) immer so. Andere Server erlauben es, diese hochzuladen, als CSV. Leider geht das mit dem „Follower umziehen“ noch nicht so gut, aber mein Umzug auf mastodon.bayern war anderweitig schmerzlos.

      Irgendwie müsste man noch eine UMID (unique message ID) wie Usenet oder Email einführen, damit es keine Dupes gibt. Sonst… ja, Du hast Recht. Ich freu‘ mich drauf, wenn diese Fragen von der Community, wie’s halt in FOSS üblich ist, angegangen werden.

  • Reply
    vinz
    23. August 2018 at 23:57

    Kleine Korrektur: Mastodon ist aus GNU Social entstanden, aber nicht geforkt worden.
    Ansonsten schöner Artikel!

    • Mikka
      Reply
      Mikka
      24. August 2018 at 6:37

      Mastodon ist natürlich ein Rewrite, weil Ruby und Redis und so 🙂 Aber SocialHub war ja der erste Ruby clone von GNUSocial, welcher dann irgendwann in Mastodon einging. Ich denke aber Du hast recht, und es war kein Fork sondern nur dass eben SocialHub irgendwann mal aufgehört hat zu existieren, zugunsten Mastodon.

      • Reply
        vinz
        24. August 2018 at 9:12

        Ach richtig, dieses SocialHub gab’s ja auch noch! Das ist komplett an mir vorbeigegangen… so viel Zeug in all den Jahren! 🙂

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