Gedanken

Old Man Walking

Gedanken auf dem Weg.

Ich bin alt. Man sieht’s mir (zum Glück) noch nicht so an, auch wenn der Bart grau ist, und die Kinder zu laut auf meinem Rasen spielen. Ich höre alte Musik, lese alte Bücher, mache alte Witze, und kann mich noch an Frank Elstner’s erhobenen Daumen erinnern.

Mit dem Alter kommen Dinge, die man eher nicht mag. Gesundheitlich, natürlich, aber das Weitwandern hält das im Zaum. Aber auch emotional verschiebt sich’s, man denkt nicht mehr so oft „hab‘ ich ja noch Zeit“ und viel öfter „ob ich dafür noch Zeit habe?“

Völkerschlachtdenkmal in Leipzig

Beziehungen, die jetzt kaputt gehen, ob Freundschaften, Partnerschaften, oder Arbeit, fühlen sich verdammt final an.

Deshalb, denke ich, entwickelt man eine Leidenschaft für das Alte. Ich habe das damals nie verstanden, wenn Opa oder mein Vater sich für alte Häuser und Burgen begeistern konnten. Jetzt verstehe ich es. Es ist Mentalakrobatik, der Versuch sich gleichermaßen vergleichsweise jung zu fühlen und sich zu versichern, dass „alt“ auch was Tolles sein kann.

Bei meinen, oft jüngeren, Wanderpartnern kommt das nicht so stark an. Der Mikka, der buddelt schon wieder irgendwo rum, bleibt stehen, schaut sich ein altes Haus an. Aber ich mache es trotzdem. Der Camino Frances ist so ein Ding, zum Beispiel.

Die Römer, vor 2000 Jahren, zogen ihre Karren oft über Wege die Pilger heute auch noch gehen. Vieles davon überlebte die Jahrtausende, brach dann in der Neuzeit unter den Stöcken und Schuhen derer für die der Weg nichts anderes als ein komisch gepflasterter Teil ihrer Wanderung nach Santiago darstellte, zusammen. Spanien, in einer post-Franco Rezession, interessierte sich wenig.

Alte römische Straße und der damalige Lagerplatz nahe Cirauqui in Spanien wird heute von einem Pilger ehrenamtlich restauriert. Die Restauration wird von freiwilligen Spenden passierender Pilger (im Tausch gegen Getränke und Schatten) finanziert.

Etwas neuer, etwa 800 AD, bauten Christen eine kleine Kapelle am Berg auf dem Weg nach Pamplona. Die Franken waren gerade in der Schlacht von Roncesvaux böse geschlagen worden. Die Basken nahmen Karl dem Großen die Zerstörung der Stadtmauern von Pamplona übel genug um ein Heer in die Hochburg der Franken zu schicken und dem Eindringling, wie sie hofften, ein für allemal den Garaus zu machen.

Um Heiden wie Christen anzuziehen, wurde eine Abtei auf deren Grund gebaut und der Altar zeigte damals nicht nur urchristliche sondern auch heidnische Symbole. Erst um 1400 wurde ein goldener, rein-christlicher Altar über dem alten errichtet. Das wäre das Ende gewesen, Spanien ließ die Kapelle verfallen, hätte ein australischer Pilger sich nicht 2009 erst in eine Pilgerin aus England, welche in Pamplona lebte, und dann in die Kapelle verliebt. Er kaufte sie schlichterhand und begann sie zu einer Herberge für Pilger aus- und umzubauen.

Einige Monate später wurde eingebrochen und der goldene Altar aus dem 15. Jahrhundert gestohlen. Der ältere, heidnische, Altar lag plötzlich frei. Die Geschichte der Kapelle musste neu geschrieben werden. Für mich, als alten Mann, ist das interessant.

Heute kann man, als Pilger, „La Abadia“ von innen und außen besichtigen, sich Neil für ein paar Tage als Helfer anschließen, oder mit einer Spende das Dach reparieren.

Für mich als alten Mann sind diese beiden Orte eine schöne Erinnerung daran, dass manchmal auch das Alte schützens- und erhaltenswert ist. Auch deshalb wandere ich, um zu sehen wie die Welt sich verändert, besteht, und doch immer wieder das Alte und das Neue zusammen, irgendwie, etwas ganz Besonderes schaffen können.

Klar, ich habe hier meinen „survivorship bias“. Früher war nicht alles stabiler und besser. Es war genau so brüchig und wurde genauso vom Zahn der Zeit gefressen. Was überlebte, das war das stärkste oder auch das, was durch Zufall dem Zerfall entging. Aber trotzdem ist es schön, auf den Spuren derer zu wandern, die vor uns kamen.

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