Gedanken

Über’s (nicht) Ankommen

Jetzt bist Du also angekommen. Unter Dir liegt Santiago de Compostela, und egal ob Du die 100 Kilometer von Sarria oder die 2300 von Konstanz gelaufen bist, Du bist „da“. Eigentlich sollte sich jetzt so etwas wie Hochstimmung einstellen, vielleicht ein Gefühl der Ruhe, oder auch der Trauer dass es vorbei ist.

Zwei Pilger zeigen hinunter nach Santiago de Compostela vom Monte do Gozo, dem Berg der Freudensprünge, an dem Pilger der Geschichte nach geweint haben sollen und vor Freude den letzten Teil des Weges gerannt seien.

Und dann passiert das nicht. Du läufst die letzten acht Kilometer in die Stadt, es fühlt sich nach viel weniger an, und immer noch bist Du nicht „da“. Vielleicht passiert es ja in der Kathedrale, denkst Du, oder beim Abholen der Compostela.

Und da passiert es auch noch nicht. Was ist da los?

Das liegt an der besonderen Art des Camino. Weitwanderer auf dem Appalachian Trail oder dem Pacific Crest kennen dieses Gefühl weniger, hier ist die Wanderung ein ständiger Kampf gegen die Natur und die Elemente. Auf dem Camino, jedoch, kommen wir, mehr oder weniger, jeden Abend an.

Das ist gut so. Das Tolle an der Pilgerschaft, neben den körperlichen und emotionalen Vorteilen, ist die Tatsache dass unser Leben sehr einfach wird. Ziele? Nur eines: abends ankommen. Wir schlafen, laufen, schlafen, und laufen. 

Das bedeutet (hier kommt der Neurowissenschaftler aus dem Rucksack) eine mentale Einstellung auf weniger Aufgaben, Ziele, und Verantwortlichkeiten. Das Gehirn lernt, dass es OK ist, einfach mal so dahin zu schlendern, alles ist OK. Und es verlernt, sehr schnell, Ziele als Ziele zu sehen. Dafür lernt es sich am Weg zum Ziel zu erfreuen. Wir alle wollen dieses Gefühl der Ruhe und des Erfolges wenn wir etwas gut gemacht haben. Das bekommen wir jeden Abend, nachdem der Rucksack abgelegt und die Schuhe im Schrank vor dem Schlafsaal stehen. Wir bekommen es auch, wenn wir ein Café am Wegesrand finden, einen Früchtestand, oder wenn es den Tag über nicht geregnet hat.

Ein Früchtestand in der Mitte des Nirgendwo, an einem sehr schwülen Morgen, der uns erst einmal mit Hagel und dann mit Matsch begrüßte.

Kurzgesagt, wir brauchen dieses Gefühl des „Ankommens“, des „fertig seins“ nicht mehr. Stattdessen nehmen wir uns den Tag als Erfolg, die Wanderung selbst als Belohnung.

Das ist es, was die Pilger meinen, wenn sie „der Weg ist das Ziel“ sagen. Eine Pilgerschaft hat kein Ziel, sie ist das Ziel in sich. Anders als eine Wallfahrt, bei der zu einem Ort gelaufen wird und dort die „Belohnung“ wartet, sammeln wir Stempel, Freundschaften, und Eindrücke. 

Seit ich den Jakobsweg zum ersten Mal gelaufen bin, versuche ich alle meine Wanderungen so zu gehen. Nicht um „anzukommen“ sondern um unterwegs zu sein. Das natürliche und unvermeidbare Ende, das kommt früh genug. Bis dahin ist mein Ziel aber schon lange erreicht: ich war angekommen an dem Moment an dem ich meinen ersten Schritt gegangen bin.

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