BarCamps

Hashtags und BarCamps, Redux

Drüben auf Robert Lender’s Blog:

Egal ob mit oder ohne Hashtags. Wer sich nicht auf andere Menschen einlassen will, an dem geht etwas wichtiges an einem Barcamp vorbei.

Einfach ein Satz den man mit „precisely“ unterzeichnen muß. Hier ist aber gleichfalls das Gesamtproblem in 23 Worten umschrieben: das ist eben was das BarCamp ist. Ein Antidot zu den Veranstaltungen, von Konferenzen zu so manchen Unkonferenzen, in denen Menschen nicht miteinander sprechen, nicht aufeinander zugehen. Veranstaltungen, auf denen es Ungleichgewichte gibt, sei es zwischen „Luminarien“ und „Neuen“, „Orga“ und „Besucher“, oder „Vortragende“ und „Zuhörer“.

Hier hört aber leider auch das stabile Argument auf. Argumente für Hashtags wie auf Robert’s Blog sind wichtig. Nicht nur weil sie die Konversation vorantreiben, sondern auch weil sie Lösungen in Reichweite bringen.

So schreibt das BarCamp Koblenz (leider habt Ihr keinen Verfasser und kein Datum auf dem Blog) etwa unter „Warum muss sich bei einem Barcamp eigentlich jeder vorstellen?“:

Für Neu-Barcamper ist es häufig überraschend, dass zu Beginn jeder mal das Mikrofon in der Hand hält und etwas sagen muss. Jeder? Ja, jeder.

Und da fängt es leider schon an: auf einem BarCamp muss man gar nix, außer es ist zur Wahrung von Sach- und Personensicherheit absolut notwendig. Niemand muss sich vorstellen, niemand muss das Mikrofon in die Hand nehmen. Und Orga ist nicht Eventleitung, und damit auch nicht die entscheidende Kraft dahinter, was sein muss, auch wenn manche es zu denken scheint. Ja, ich weiß. Ein BarCamp zu organisieren ist alles andere als leicht. Ich weiß das, ich veranstalte die Dinger seit 13 Jahren. Und es ist auch finanziell nicht lohnend. Orga für Geld ist, wie ich das so gerne sage, wie die AfD für Menschenrechte und Inklusion. Aber bei all der Liebe und dem Respekt, damit habt ihr euch Hugs und Bier, und ganz viel Hochachtung verdient, aber nicht das Recht auf dem BarCamp „jeder muss auf meiner Session…“ oder „jeder muss zu meiner Session“ zu sagen.

Das zweite Argument fällt ebenfalls in diese Kerbe: „Aber ich bin schüchtern, ich mag keine Nazis (wer tut das schon, außer Nazis?), ich mag keine ${irgendwas}, ich spreche nicht gerne Menschen an, ich werde nicht gerne angesprochen, ich will wissen mit wem ich es zu tun habe.“

Und wieder die Antwort: es gibt in Deutschland dutzende, hunderte, von Veranstaltungen, die diese organisatorische Strenge und die Introversion der Hierarchie und der Gruppenbildung haben, brauchen, unterstützen. BarCamps waren, und sind, Veranstaltungen für die (kleinere) Gruppe Mensch, die eher wenig Orga will, die keine Scheu hat sich ansprechen zu lassen oder angesprochen zu werden, die — ich sag’s mal laut — sich nicht wohl fühlt in Zusammenkünften auf denen Hof gehalten wird und Menschen sich pikiert abwenden wenn man sie fragt wer sie sind.

Die Vorstellungsrunde ist gleichzeitig auch der Start der Veranstaltung, ein Ritual und gehört unbedingt zu einem Barcamp dazu. Bringt jedem Teilnehmer den Respekt entgegen, den ihr selbst erwartet.

Tut sie das? BarCamp 01, BarCamp 02, BarCamp 03 (die kenne ich verdammt gut, die habe ich mit-organisiert) Palo Alto. NYCCamp ein Jahr später (als Camps noch „Stadt+Camp“ hießen und nicht alle „BayArea“ Camps waren, auch wenn sie in Buttenheim bei Bamberg abgehalten wurden). CampAustin, 2009, Camp Northwest, Seattle, Yes By/And Yes Yes,  ProCamp, MedCamp Chicago, RomeCamp, Italien, etc.

Und das sind nur ein paar. Keines dieser Camps hatte eine Vorstellungsrunde. YxYY ist die beste Camp-Veranstaltung des Jahres, ohne Frage.

BarCamps sind keine Konferenzen. Sie sind auch eine Form der Unkonferenz, aber nicht unbedingt in allen Teilen so eingeschränkt. Sie sind, auch wenn das eine unpopuläre Aussage ist, eine Veranstaltung für natürlich extrovertierte non-Salesmen und -women. Ein Platz, ein Wochenende, eine Meute, der man sich anvertrauen kann ohne die Furcht dass man beworben wird, etwas verkauft bekommt, oder jemandem vor den Kopf stößt, weil man sie anspricht.

Auch das ist „Inklusion und Respekt“.

Ich gehe auch auf andere Veranstaltungen. Dort ist es meine Aufgabe, als Gast, mich so zu verhalten, wie die Veranstaltung es vorsieht. Ich spreche weniger Menschen an, ich gehe nicht in der Mitte einer Session aus dem Raum („Law of Feet“), ich frage bevor ich jemanden fotografiere, und ich sieze meine Gegenüber. Ich bin gerne auf solchen Events. Ich stelle mich gerne formal vor, ich habe kein Problem damit, dass es eben anders ist.

Womit ich ein Problem habe, ist wenn eine Veranstaltungsform, die geschaffen wurde um diese Ungleichheit durch Organisation und Introversion zu vermeiden, die eine Heimat für die „hey, ich bin der Mikka“ sein wollte, so lange kooptiert, verändert, organisiert, und reglementiert wird, bis sie eben wieder jeder anderen Unkonferenz und Konferenz gleicht.

Ich habe auch kein Problem mit Diskussionen, ich habe ein Problem mit der Idee, dass die Zuflucht, die das BarCamp sein sollte, und die es berühmt und beliebt gemacht hat, jetzt mit „denkt denn niemand an die…“ Argumenten geschlossen wird, und genau zu der Veranstaltung wird, vor der man geflohen ist.

Eine BarCamp-Kultur auf der gesiezt wird, auf der Menschen öffentlich ihre Dienste bewerben statt den Laptop aufzumachen und ihre Geheimnisse zu verraten, auf der man „ich fühle mich unwohl wenn ich angesprochen werde“ nicht nur ein- oder zweimal im Jahr sondern mindestens einmal pro Camp hört, das ist kein BarCamp mehr.

Und eine BarCamp Kultur, sorry BarCamp Koblenz, auf dem man etwas tun muss, weil das „Ritual“ ist, das ist auch kein BarCamp mehr. Und, nur so als Hinweis, das „Law of Feet“ und das „Law of Presence“ gilt auch für die „Öffnungsveranstaltung“.

Bild: von Adam-Ädämski-Rohn.

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